Nun war er also gekommen, der Freitag, der 13. Nachdem wir die größeren Missgeschicke ja schon am Freitag davor abgehandelt hatten, konnte uns nicht allzu viel passieren. Gut, es flog schon mal das eine Wollknäuel vom Tisch oder die andere Nadel aus der Hand, manchmal hüpfte auch unbemerkt eine Masche von der Nadel, was erst einige Reihen später bemerkt wurde... ...aber insgesamt betrachtet blieb das Pech fern. So ein Glück für uns! Nicht fern blieb Jana, mit der wir schon über Ravelry Kontakt hatten, und so hatten wir wieder einmal sehr netten Besuch. Natürlich wurde auch wieder viel gestrickt:
Und auch sportliche Aspekte kamen nicht zu kurz: Klemens auf der Suche nach einem bestimmten Wollknäuel: Da soll noch mal einer sagen, man würde als Stricker nur auf dem Sofa sitzen. ;)
"Petersiliensaft?" Diese Frage war die erstaunte Antwort auf die Erzählungen von Bärbel, die berichtete, dass sie neulich die Kosmetiktipps aus Frauenzeitschriften aus den 70ern und 80ern wiederentdeckt hat. Da wurde doch tatsächlich gepresster Petersiliensaft für eine Augenspülung empfohlen. Unglaublich. Wir stimmten darin überein, dass wir unsere Augen doch lieber mit natürlicher Tränenflüssigkeit bei Filmen, Einrichtungssendungen und Werbefilmchen reinigen.
Aber nicht nur, weil wir so viel gelacht haben, während wir uns unter anderem über viele verschiedene Fersenformen sowie Schlaglöcher in Leipzig und in Malaysia ausgetauscht haben, ging es uns sehr, sehr gut. Auch deswegen: Abgesehen von den vielen Erzählungen und den Gaumenfreuden wurde aber auch gestrickt. Währenddessen und auch in der Zeit vorher schon. So zeigten Maria und Gisela kürzlich fertig gestellte Projekte, die von allen Seiten bewundert wurden. Maria hat einen tollen Schal, einen Scrappy-Lengthwise-Schal, gezaubert: Und die Socken, bei denen Maria letzte Woche erst mit dem Vikkelbraid kämpfte, sind schon wieder fertig. Und das, obwohl sie an der ersten Socke dreimal die Fersen stricken "durfte". Das Ergebnis ist eine Wucht. Gisela war viel in der Weltgeschichte unterwegs und brachte nicht nur herrliche Wolle aus "Russland-Italien" mit, sondern sie hat auch einiges fertig bekommen. So u. a. auch diese äußerst dehnbaren Socken: Bärbel hingegen wurde am Mittwoch nicht sonderlich vom Glück verfolgt. Erst durfte sie ribbeln (wir waren gnädig und haben das nicht fotografisch festgehalten), weil sie sich trotz mehrmaligem Nachzählen vertan hat, dann hat sie die Stelle neu gestrickt und es fehlten nur wenige Zentimeter Garn (zwischen ihren Händen hält sie den restlichen Faden, auf der Nadel befinden sich die noch zu strickenden Maschen). Das ist doch wirklich ein Grund, mal traurig zu schauen. Aber sie hat es hinbekommen und somit schon das Rückenteil dieses Pullovers fertig. Na, das sieht doch gut aus! Das klappt bis Weihnachten! Geli wiederum kämpfte mit einem Wollknäuel. Das war aber auch wirklich ein hartnäckiges Ding. Bis zum Café-Schluss war nicht klar, wer da gewinnen wird. Die Wolle hatte sich am Mittwoch scheinbar gegen uns verschworen. Bei einer Aktion waren alle zu dem Zeitpunkt Anwesenden (4) beschäftigt, einen Strang Lace-Garn in ein Knäuel zu verwandeln. Aber von einer solchen Aktion kann es gar keine Bilder geben, es waren wirklich 8 Hände für die 1,4 km Wolle nötig. Doch wir haben es geschafft, in weniger als einer Stunde! ;)
Noch was: Wer ganz genau hinschaut, sieht im Hintergrund mancher Bilder, wie toll das Café jetzt mit ein paar neuen Regalen ausschaut. Wir waren wirklich überrascht und jeder, der hereinkam, staunte erst einmal "Ah" und "Oh". Es war ein herrlicher Mittwoch.
Ich habe mir anlässlich des Jahrestags des Mauerfalls ein paar Gedanken gemacht.
Ja, mir ist es schon wichtig, an das, was da passiert ist, zu denken. Es ist ein Teil der Geschichte dieses Landes, ein bedeutender sogar.
Ich wohne nicht im Osten, weil ich es hier toller finde, weil ich nicht im Westen leben mag, weil ich was vom Soli haben will, weil ich überzeugter Ossi wäre. Nö. Ich wohne im Osten, weil es sich so ergeben hat. Zufällig wurde ich hier außerdem noch geboren. Vor fast 30 Jahren. Vor 20 Jahren war ich also noch nicht wirklich "groß". Ich weiß noch, wie ich damals als ziemliche Knirpsin vor dem Fernseher saß, und Schabowski sagte diese wohlbekannten Worte. Ich weiß auch noch, dass ich meine Eltern fragte, was das denn heiße. Denn für mich als Kind war es damals etwas, das ich nicht nachvollziehen konnte. Dass etwas Großes passiert, das habe ich mitbekommen, der "schnelle Wechsel" der "wichtigen Menschen da oben", das war etwas, das mich verwunderte. "Chef der DDR" war doch, für mich, immer Honecker gewesen, andere gab es in meinem Empfinden da kaum. Manchmal läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke, was da vor 20 Jahren so alles passiert ist, was für einen Riesendusel wir doch alle hatten. Wie haarscharf das alles ausgegangen ist und wie böse es hätte ausgehen können. Und dann sitze ich da, habe Gänsehaut bei dem Gedanken daran und wahnsinnige Dankbarkeit im Bauch, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Und nicht schlimmer.
Es ist gut, was passiert ist. Die Umsetzung hatte Macken, so richtig rund läuft noch nicht alles. Oder vieles nicht. (Aber das ist ein ganz anderes Thema.) Ich weiß, dass die Wende, die Wiedervereinigung mir sehr viel Gutes gebracht hat. Manchmal umtreibt mich schon der Gedanke, was aus mir geworden wäre, wenn es die DDR noch gäbe (aber das sind Gedankengänge, bei denen es zwecklos ist, sie allen Ernstes weiter zu verfolgen). Aber ich möchte die DDR keinesfalls zurück. Ich möchte die Erfahrungen, die ich als Kind dort gemacht habe, nicht missen. Und ich kann nicht behaupten, dass die DDR für mich sonderlich negativ gewesen wäre. Aber ich war Kind, ich kannte es nicht anders, ich konnte es noch nicht großartig reflektieren. Mir haben, um im Klischee zu sprechen, keine Bananen und kein Westfernsehen gefehlt. Ich kannte es nur so, wie es war.
Im Spiegel 43/09 fand ich einen interessanten Artikel über Schüler aus dem letzten Abiturjahrgang der DDR. Zwei Zitate daraus haben mich sehr zum Nachdenken gebracht, treffen zum Teil genau den Punkt, den ich auch empfinde, aber so nicht in Worte fassen konnte.
"Ich habe meine Wurzeln in der DDR, ich bin zu Hause in Deutschland. Ich möchte auf beides nicht verzichten. Ich habe weder eine DDR-Identität gehabt noch eine BRD-Identität erlangt. Vielleicht bin ich heute ein Gesamtdeutscher mit sozialistischem Migrationshintergrund."
Ja. Ich, so bilde ich mir ein, unterscheide nicht zwischen "Ossi" und "Wessi". Woher die Person kommt, die mir da gerade sehr sympathisch oder sehr unsympathisch oder auch einfach nur herzlich wurscht ist, ist für mich nicht uninteressant, aber mir ist niemand per se sympathischer, weil er aus dem Osten kommt, bzw. per se unsympathischer, weil er aus dem Westen kommt. Ich unterscheide ja auch nicht zwischen "Nordis" und "Südis". Mich interessiert die Herkunft, weil Deutschland ein so herrlich vielseitiges Land mit so vielen Facetten ist und ich die verschiedenen Regionen dieses Landes reizvoll finde. Manchmal bezeichne ich mich selbst scherzhaft und ironisch als "Ossi". Aber wirklich als Bezeichnung, um jemanden in eine bestimmte Sparte "Mensch" zu packen, dafür sind mir diese Kategorien egal. Und ich finde, ich darf das über mich selbst sagen, aber jemand anderen so zu bezeichnen oder von jemand anderem so tituliert werden? Nein danke.
"Mein Ostgefühl zeigt sich oft in dem Wunsch nach einem würdigen ostdeutschen Repräsentanten. Ich sehne mich nach jemanden, der in den Fernsehstudios sitzt und einem nicht peinlich ist. Mein altes Land ist tot, ich habe kein Heimweh, aber ich möchte, dass man mit dem Osten anständig umgeht."
Erst gerade neulich habe ich mich - wieder einmal - arg fremdgeschämt. Warum müssen denn (manche) Ostdeutsche, die im Fernsehen was zur Problematik Ost-West oder wozu auch immer sagen oder zu sagen haben, entweder furchtbar sächseln oder absoluten Blödsinn von sich geben oder schlimmstenfalls sogar beides in Kombination? (Das erinnert mich an einen Satz zu Schulzeiten: "Red mal DDR-lerisch!")
Was mich heute stört? Wenn mir beim Klassentreffen (im Westen) gesagt wird, ich sei in meine Heimat zurückgegangen (nein, bin ich nicht, dazwischen liegen mehr als 100 km), wenn mir andere stolz erzählen, sie seien auch schon mal im Osten gewesen (schön für sie, ich war auch schon mal im Westen, und weiter?), wenn mir ehemalige Mitschüler erzählen, dass sie vor ein paar Wochen oder Monaten auch schon mal hier in der Stadt waren und dass es hier doch "echt schön" sei. Ja, warum auch nicht? Immerhin liegen doch schon 20 Jahre dazwischen. Auf der einen Seite "schon", auf der anderen Seite "erst". Wenn Pi-mal-Daumen-30jährige die Unterschiede noch so betonen oder es herausstellen, den anderen Teil des Landes schon mal besucht zu haben, dann wird es wohl noch sehr lange dauern, bis es keine empfundene Teilung zwischen Ost und West mehr gibt. Leider.
Buckelwal, das dachte ich bei dem Wort Bouclé-Schal. Und einen solchen habe ich neulich gestrickt. 4 Knäuel Online Linie 193 Larissa, insgesamt um die 200 Gramm, verstrickt an zwei Abenden über 17 bis 19 Maschen (die Wolle verzeiht einiges) kraus rechts mit Knit Picks Options in Stärke 8. Der Schal ist, wie einige seiner nicht von mir gestrickten Geschwister, für die Leipziger Straßenkinder bestimmt. Wie geschrieben, die Wolle verzeiht einiges. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich in sie verliebt hätte.
Neulich brauchte ich ganz schnell "mal eben" ein paar Geschenke. Alle Beschenkten stricken, so lag gefärbte Wolle sehr nah. Daher suchte ich Farben und Töpfe zusammen und legte los. Die Ergebnisse sehen wie folgt aus: Namenlos I Namenlos II (unfotografierbare Rottöne) "Tweedversuch in grün" "Zu deinem Wiegenfeste" Und hier noch mal das fast schon obligatorische Gruppenfoto: Mittlerweile wohnen alle Stränge an ihrem Bestimmungsort.
Heute fiel es mir mal wieder in die Hände, ein Fundstück, das ich am 19. Juni 07 aus der Fernsehbeilage "Prisma" klaubte: Aha! Der schönste Kommentar, den ich damals zu dem Zeitungsschnipsel bekam: "Mit der Leber im Unterbauch könnte man ja noch leben, besonders bitter: das Rektum ist offenbar an den Ösophagus angeschlossen... In diesem Sinne genieße Deine Anatomie und halte den Atlas niemals verkehrt herum, sonst sind die Augen hinten. Das macht zwar das Einparken leichter, ist im Kino aber blöd." Für den Moment zitiere ich noch Goethe und wünsche mir für draußen "Mehr Licht!" ;) Und werde weiter "geheimstricken".